Cefalú - Traumstadt!
Zum ersten mal in diesem Urlaub erlebe ich die perfekte Nacht. Wunschlos. Glücklich. Sorgen um die nächste Etappe mache ich mir keine, ich schlafe gerade so, als hätten die Erzengel persönlich über meinen Schlaf gewacht.

Und ich werde - zumindest teilweise - Recht behalten. Denn nachdem ich gestern schon gestandene Tour de France-Profis überholen durfte, werde ich heute in ihre Stapfen treten. Und das wird spannend sein.
Und weh tun.
Aber fangen wir von vorn an ...

Der Wind weht frisch vom Meere her, leicht von hinten, was mich erfreut, denn jeder km/h, den ich geschenkt bekomme, wird meine Beine auf Dauer entlasten.
Was ich noch nicht weiß: Heute kommen die Steigungen, von denen sie in "Höllentour" immer erzählen: Erbarmungslos, hart, geradezu episch.

Mal mehr, mal weniger drohend marschieren dunkle, feuchte Regenwolken am Horizont auf, die Armee des Donners - ich hoffe, dass sie mich heute verschonen wird. Und sie wird.

Links neben mir brandet ein unfassbar türkises Meer wild an die felsige Küste. Gischt schäumt um das schwarze Geröll, das man das Gefühl hat, es koche das Mittelmeer unter einem.
Oftmals halte ich, halte den Atem und genieße den Blick, der hier niemals langweilig wird: Mal ist es die Sicht auf einen halsbrecherischen Felsen, mal ein Dorf, verlassen hoch oben und manchmal der Rest eines Forts, das hier schon seit Jahrhunderten den Fluten trotzen mag.

Doch lange bleibt mir nicht Zeit, mich ins Meer zu träumen: Der dampfende Asphalt und das heutige Etappenziel rufen. Dann trete ich mich wieder diese kurzen, giftigen Anstiege hinan, die aussehen, als endeten sie direkt in den Wolken.
Dann schalte ich röchelnd aufs größte Ritzel und kurbele mich mit 10, 12 km/h die Anstiege hinauf, ehe mir die kleinen Wellen auf der anderen Seite während der kurzen, bisweilen an der 60 kratzenden Abfahrten etwas Erholung und Abkühlung verschaffen.

Keine Badegäste am Strand. Kaum Autos auf der Straße, keine Menschenseele unterwegs: Sizilien, es gehört mir, dem einsamen Cervelo-Fahrer, der hier, um die heiße Mittagszeit den Osten der Insel zu erobern aufgebrochen ist.

Meine Ruhe.
Mein Glück.

Corleone, das Dorf des "Paten", Castelbuono, Santa Caterina Villarmosa. Alles Orte, die ich gerne besuchen würde, aber aufgrund des engen Zeitplans wohl auf einen anderen Trip verschieben muss.
Dabei faszinieren mich die Einblicke ins Inselinnere.

Abgelegen, weitab, entfernt - so, wie ich mich bisweilen fühle. Eine Landschaft wie ein Spiegel in die Seele. Es scheint, als könne genau da hinten der Palast von Jabba the Hutt stehen ...

Dann trete ich rein, beschleunige - zumindest so gut, wie es bei gefühlten 40 Grad eben geht - kurbele und schalte nach oben, fliege um die Kurven und rausche am Abgrund entlang und fühle mich wie der König der Welt.
Hinten schält sich das Neuland, das ich in 15, 20 Minuten durchfahren werde, aus dem feuchten Nebel der Brandung, weit hinter mir saugt derselbe Salzdampf das bereits eroberte Gelände ein.
Unter mir surren die Carbonlaufräder, heiße Luft strömt durch den Helm - was kann es Schöneres geben?

Ich hingegen kämpfe mich weiter durch die Stadt.

Die SS 113 macht hier abrupt eine Rechtskurve und was sich da vor mir auftut, ist nichts geringeres als Asphalt-Terror: 22 Prozent Steigung verspricht mir das Schild, und ich erinnere die 16 Prozent meines Hamburgischen Waseberges.
Und habe nicht mal mehr Zeit zu beten.

Kein Wunder, dass die Autos, LKWs, Mopeds und wahrscheinlich auch Pferde- und Eselskarren die Autobahn hoch über meinem Kopf benutzen.

Dann kämpft sich surrend und quälend ein Moped im ersten Gang hinter mir den Hang hinauf, der Fahrer nickt mir nur zu - ich bin zu keiner Regung im Stande, so fertig bin ich.
Und noch nicht einmal die Hälfte geschafft!

Das also sind 22 Prozent Steigung!
Unglaublich, unfassbar! Ich stelle mich in einer S-Kurve - keine 50 Meter lang, dafür brutal schwer zu fahren, da in den Innenseiten der Kurven der Gradient an die 90 reichen muss - an die Seite und versuche, ein Foto zu machen, dass diese Brutalität einfangen könnte.
Zweiundzwanzig Prozent!

Aber alles atemlose Fluchen hilft nichts - hier muss ich rüber!
Scheiße!



Ein Sprayer hat ein Kruzifix an die Wand gesprüht - und wahrlich, ich kann mir vorstellen, dass hier so mancher schon seine letzte Ölung herbeigesehnt hat.
Ich sitze da und sammle wieder neue Kräfte - der Blick in den Abgrund, der sich auf der anderen Seite des Berges unter mir auftut, verschlägt mir den Atem: 22 Prozent - fast senkrecht bergab!

Beneidenswert ihre Körper, Schweißtropfen, die in Zeitlupe aus verschmutzten Gesichtern tropfen.
Und nun? Nun hock ich hier. Schweiß tropft mir auch von der Nase. Mein Gesicht - auch meines ist verschmiert vom Schmutz der Straße. Mein Leid, grenzenlos. Und doch: Keine Zeitlupe. Kein Pathos. Kein Beifall. Nur ich und die Straße.
Und diese Straße da unten - die hat es in sich!

Sobald ich meine Bremsen auch nur ein paar Sekunden löse, beschleunigt mein Rennrad - 40, 45, 50, 55 km/h und schon schieße ich ungebremst auf das tosende Türkis zu, das da einige hundert Meter unter mir schäumend brandet.
Noch nie habe ich so auf meinem Rad gesessen - fast fühlt es sich an, als mache ich einen Kopfstand. Mir gewahr der Tatsache, dass nur ein kleiner Blockierer am Vorderrad unweigerlich den Abflug bedeutet, taste ich mich mit aberwitzigen 5-10 km/h den Berg hinab.
Ich bin sdurchgeschwitzt bei nach dem Anstieg, als ich unten ankomme.
Und zittere wie Espenlaub.

Da mir nach dem Höllentrip von eben nun aber gar nicht mehr nach Kurbeln zumute ist, halte ich an einem kleinen Bistro gleich neben der Straße.
Ich parke mein Rad und bestelle drinnen einen Café und zwei Schokocroissants. Teile des Blätterteiges fallen beim Abbeißen herunter, so sehr zittere ich noch.
Neben mir entpuppt sich die kleine Familie als deutschstämmig, und so nutze ich einen kleinen Augenkontakt, um die Dame zu fragen, ob sie sich hier auskenne.
"Ja, na klar!", sagt sie freundlich. Ihre kleine Tochter schaut mich mit großen Augen an.
"Ich möchte nach Milazzo", sage ich, "lohnt sich das?"
Sie schaut ihren (italienischen) Mann an, der sogleich seine Miene verzieht.
"Milazzo? Näää, machen Sie das nicht! Da ist nur Industrie, nur Dreck und so. Nichts Schönes." Aha, okay, wäre eh ein bissel zu weit gewesen.
"Und was empfehlen Sie dann?"
"Na - bleiben Sie hier! Hier ist ein wunderschöner Strand, richtig paradiesisch hier!", sagt sie lächelnd.
Na, da lehne ich dankend ab - ich mag zwar fertig sein, aber zwanzig, dreißig Kilometer will ich schon noch machen heute. Und so verabschiede ich mich und beschließe, einfach meine Augen offen zu halten.

Was für eine Aussicht! Ich stelle mir vor, dort unten jetzt eine kleine Hütte zu mieten.
Dort unten jetzt einfach die Klamotten auszuziehen.
Dort unten jetzt durch den heißen, weichen Sandstrand zu stapfen.
Mit meiner Blondine im Arm.
´ne Runde schwimmen.
... und so.
Aber hey, ist ja kein Wunschkonzert hier, also so, aufgesattelt - Goethe stromert hier ja auch noch herum!

Dabei fällt mir immer wieder diese Autobahn auf, die sich in Schwindel erregender Höhe, teilweise wie eine New Yorker U-Bahn oder die Wilde Maus vom Berliner Weihnachtsmarkt aussehend, über mir weite Täler überspannt, sich rigoros durch Berge fräst oder - wie jetzt - auch gerne mal Kurven beschreibt.
Komisch. Und das war nun billiger, als diese fantastische Super Strada hier auszubauen?
Na, mir solls recht sein - noch immer komme ich mir als der alleinige Herrscher des Asphalts vor.

Hier oben weht es wie Hulle und so muss ich mich, frierend fast vor Kälte, sehr konzentrieren, Kurs halten zu können.

Ich komme an ein Stück Straße, das wahrscheinlich nach einem heftigen Regenfall durch einen Hangrutsch abgebrochen ist. Bei uns in Deutschland hätten sie eine sofortige Vollsperrung und eine aufwändige Rekonstruktion sowie millionenteure Verstärkung des betreffenden Abschnittes (damit das nicht nochmal passiert!) veranlasst.
Hier in Bella Italia? Nun, sagen wie es so - ein paar Warnhütchen reichen.
E basta!
Undweigerlich muss ich grinsen und an die Autobahnpolizei auf meiner zweiten Etappe denken, die mir, in Sichtweite des Verbotsschildes, die Autobahn als Radweg empfohlen hat. "Aber immer schön rechts fahren!"
Ehrensache, Herr Carabinieri!

Es ist eine schnieke Bucht, wie immer, fast schon schade, das als selbstverständlich hinzunehmen, branded ein geradezu verschwenderisch-karibisch anmutendes Mittelmeer an einen wilden Strand, eine kleine Promenade lädt mit leeren Bänke zum Verweilen ein und dieser Ort heiß gerade so, wie mein liebster Freund aus fernen Abi-Zeiten: Patti.

Hoch oben, geradewegs in den Hang gemeißelt, haben sie wilde Häuser in den Fels gestellt. Ein Kloster und ein Schloß grüßen mich und als ich dann endlich, wahrlich auf dem letzten Zahnfleisch kriechend, die Stadt erreiche beschließe ich, im erst besten Hotel einzuchecken.

Ankommen! Endlich!
Ich entkleide mich und gebe mich dem alltägliche dem Ritual hin: Duschen, Eincremen und den Arsch salben. (Wie gesagt - leider befindet sich meine Niveau noch zu Hause im Badezimmer, sodass ich mein Gesicht mit der Arschcreme salben muss, aber das tut dem nicht Abbruch).

Denn hey, immerhin habe ich heute Teufelssteigungen jenseits der 20 Prozent gemeistert und es überlebt. Ein sonderbares Gefühl der Rastlosigkeit strömt mir durch die Beine, als ich versuche, einmal ruhig zu sitzen: Aber es gelingt mir nicht. Der Hintern schmerzt.
Und als ich ihn mir im Spiegel - seltsam verrenkt - genauer besehe kann ich erkennen, was mir die nächsten Tage bestimmt noch einigen Spaß bringen wird: Klar, deutlich und in einem Signalrot allererster Feuerwehr-Güte strahlt der dreieckige Abdruck meines Prologo-Rennradsattels mir entgegen. Wie, als hätte ich einen riesigen Schmetterling beim Hinsetzen zerdrückt.
Au Backe, denke ich mir, au backe ...!

Neidisch schiele ich auf den Bergfired hinauf - das Ortseingangsschild hatte hier ein Hotel mit einem Stern mehr versprochen ... aber wahrscheinlich hätten sie mich dorthin mit dem Notarztwagen bringen müssen.
Den Nachmittag und die Dämmerung verbringe ich mit einem kleinen Spaziergang durch die engen, bergigen Gassen des Ortes, der mir - obschon ich hier buntes Treiben beobachten kann - auch so seltsam entkoppelt vom Rest der Welt vorkommt.
Wovon leben all die Leute hier? Was mag ihr Tagwerk sein?
Beim Herrn Goethe finde ich auch keine Antworten - denn der ist nie durch Patti gekommen.

Ich schlafe ein mit der Karte Italiens vor dem geistigen Auge. Und ich freue mich: Morgen werde ich denn dann auch das Ostkap Siziliens umrunden und in Sichtweite des italienischen Festlandes die Spitze des Stiefels sehen.
Und irgendwie, ich weiß nicht, warum, macht mich das total glücklich.
Etappe 9 - Cefalú-Patti
Etappenlänge: 107,90 km
Fahrtzeit brutto: 5 h 25 min
Fahrtzeit netto: 3 h 38 min
Schnitt: 28,4 km/h
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Super schöner Bericht! Und wir haben uns erst durch die Etappen in Sizilien gelesen. Allerdings hat es bei uns unterschiedliche Gefühle ausgelöst. Während mein Mann vor Vorfreude glüht ist bei mir der Angstscheiß ausgebrochen. Mein erster Schritt in google map zu schauen, ob das Cap D`Òrlando hoffentlich außerhalb unserer Reichweite ist. Es ist! :-)
AntwortenLöschenes wäre sehr schwer für mich so viel mit dem Fahrrad zu reisen, um
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