Viertel nach Sechs brummt mein Handy: SMS aus China, mein Schatz schreibt mir. Ich grinse in den heraufdämmernden Tag und beschließe aufzustehen. Ich beginne meinen Tag mit Goethe, dessen berühmte Reiserute ich heute wieder kreuzen und bis Neapel folgen werde:
"Denn aus Ungeduld, weiterzukommen, schlafe ich angekleidet und weiß nichts hübscheres, als vor Tag aufgeweckt zu werden, mich schnell in den Wagen zu setzen und zwischen Schlaf und Wachen dem Tag entgegen zu fahren und dabei die ersten besten Fantasiebilder nach Belieben walten zu lassen."
Nun ja, ich schlafe nicht angekleidet, sondern nackt (anders kann man die etwa 30 Grad "kühlen" Nächte Umbriens auch nicht ertragen), aber wohl wache auch ich vor Tagesanbruch auf, um endlich los zu kommen. Heute aber weckt mich der Regen: Es donnert und blitzt, es grummelt und rumort. Gewitter. Am Morgen.
Wird das Wetter heute halten? Na herrlich!

Im Hotel fragte ich gerade noch den Concierge, wie das Wetter heute wohl werden würde: Er schaute mich nur fragend an. Und wieder: Wird es regnen oder nicht?
"Can be.", sagte er. "Or not."
Aha.

"Halte Dich rechts - und fahr vorsichtig.", raten sie mir. Mach ich, versprochen!
Das Rennrad geht ab wie Schmidts Katze, ich kann Gas geben, komme mit 35 km/h leicht zu erreichendem Schnitt superflott voran und trete mich schnell in einen runden Tritt. Radtrance am Morgen, so muss das sein!

Was kann es schöneres geben, als frei und ungebunden durch die Lande zu treten? Nur den Drahtesel unter dem Hintern, ein kleines Säckchen auf dem Rücken, frei, frei wie ein Wandervogel, frei, frei ... ich atme tief ein, atme den Sauerstoff, die sonnengeschwängerte, doch feuchte Luft Umbriens und bin ... glücklich.


Kurz vor der Stadt verfahre ich mich, weil ich glaube, eine Abfahrt entdeckt zu haben, die mich auf eine Parallelstraße bringt, von der man mir erzählt hat: Leere Landstraße, nicht diese Autobahn-Rennstrecke, das wäre es jetzt. Ist es natürlich nicht: Ich irre etwa 10 Kilometer herum, ehe ich wieder zurück auf die Autobahn fahre.
Auch entscheide ich mich, heute nicht nach Rieti zu fahren, sondern geradeaus weiter nach Civita Castellana.
Und während ich noch nachdenke, kollidiere ich fast mit einem Berg, der Spoleto ist: Oben thront eine Burg, darunter eine fast senkrechte Felsmauer, auf die ich mit 40 km/h zuschieße und alsbald in einem Tunnel verschwinde.

40 Kilometer geschafft, es ist kurz vor 9 Uhr - erste Pause auf der Autobahnraststätte in Spoleto.


Es kommt, wie sie versprochen hatten: Zunächst scheint mir die Sonne genau auf den Rücken. Nein, sie knallt. Fast kann ich physisch spüren, wie ihre Strahlen das Gewebe meines Trikots treffen, aufprallen, und die Hitze auf meine Haut, unter meine Haut pressen. Wasser, wertvolles Nass meines Körpers, angereichert mit noch wertvolleren Salzen, drücken sie heraus.

Einzusehen ist nicht, was hinter der Kurve kommt. Aber ich ahne, es wird keine Abfahrt sein. Nein, ich ahne eher, es wird weiter gehen. Nach oben. Nach oben. Immer nur nach oben - bis wir den Berg umrundet haben.

Wenn ich meinen Kopf nach oben bekomme - denn meine Nackenmuskulatur verweigert immer wieder ihren Dienst - sehe ich nichts als grüne Wände rings um mich herum und ein graues Band, dass immer mehr ansteigt. Steigt und steigt.
Schaue ich einmal nach unten, sehe ich glänzende Waden, angespannte Sehnen und Muskeln, schweißbedeckte Stränge, die sich mühen, eine Kurbel zu drehen.
Ein Held sieht anders aus.

Nur eines frage ich mich: Wer bitte baut eine Brücke mit Anstieg über eine Schlucht?

Irgendwann ist sie da, die letzte Kurve. Ich erreiche sie, nehme sie zur Kenntnis - keine Energie zu Freude. Kein erleichtertes Seufzen, ein Siegerfoto oder irgend eine Reaktion. Ich fahre über den Scheitelpunkt, registriere, dass sich die Pedale leichter treten, schalte hoch, je mehr sich die Fahrbahn senkt. Und dann, dann fahre ich um eine Kurve, die Straße taucht unter mir ab und dann erfasst mich der Sog der schiefen Ebene. Er zieht mich mit, beschleunigt mich, macht, dass mir Wind um die Ohren knallt, macht, dass der Freilauf ein Loblied auf die Abfahrt surrt.
Ich ducke mich weg, ducke mich und werde schneller, schneller und immer schneller. Schieße von einer Kurve in die nächste, lenke, korrigiere, trete mal, wenn es kurz flacher wird, bremse mal, wenn die serpentinenartigen Kurven zu eng werden. Dann schieße ich aus einem letzten Tunnel, eine letzte Abfahrt und erreiche meinen zweiten Rastpunkt: Terni.
Ankommen. Absteigen. Hinsetzen.

Sie plappern da neben mir, als gäbe es eiligst eine Revolution zu planen. Irgendwie angesteckt von ihnen sattle ich nach nur wenigen Minuten wieder mein Rad und fahre los, Terni zu durchqueren.

"Das Städtchen liegt in einer köstlichen Gegend, die ich auf einem Rundgange her mit Freuden beschaute, am Anfang einer schönen Plaine, zwischen Bergen, die alle noch Kalk sind. Wie Bologna drüben, so ist Terni hüben an den Fuß des Gebirgs gesetzt."
Tja, den Fluss vermag ich nicht zu sehen, aber die paar Minuten, die ich in durch die Stadt schieße, erfreue ich mich an der pituresken Schönheit dieser kleinen Perle am Velino. Ich bedauere, dass ich mir den kleinen Abstecher zu den höchsten Wasserfällen Europas, den Cascata delle Marmore" nicht leisten kann, und trete wieder rein.

Es wird flacher und flacher, die Berge weichen zurück, nur wenn ich mich umdrehe sehe ich, was ich gerade durchquert habe und nur, wenn ich nach vorne blicke öffnet sich jene Plaine, von der der Herr Weimarer Geheimrat schreibt: Terni, der Ausgang aus dem Gebirge. Ich habe es geschafft.
Denke ich.

Freilich - es hupt niemand. Sie alle überholen zwar rasant, aber sicher.
Tja, ´s ist halt Ferrariland hier.

Fiese Böen bremsen mich ruckartig auf niedrige Zwanziger ab. Ich habe Mühe, wieder zu beschleunigen, das ewige Schalten und vor allem das Wechseln vom kleinen aufs große Blatt und wieder vom großen aufs kleine Blatt raubt mir die Nerven.
Bald schon schreie ich genervt gegen den O2-Overkill an.
Den Windgott stört dies alles natürlich nicht. Im Gegenteil, er legt noch einen drauf: Im Bunde mit dem Steigungsgott.
Die Straße schickt sich an, wieder zur senkrechten Mauer zu werden.

Irgendwann lese ich, was ich hier gerade verzweifelt versuche zu erreichen: Narni.


Ob Goethe nicht auch hier auf dieser Felsterasse gesessen hat, dereinst? Hier, wo jetzt mein toller Carbon-Bolide so lässig am Gitter lehnt?

"Was bin ich nicht den letzten 8 Wochen schuldig geworden an Freunden und Einsicht; aber auch Mühe hat mich´s gekostet. Ich halte die Augen nur immer offen und drücke mir die Gegenstände recht ein. Urteilen möchte ich gar nicht, wenn es nur möglich wäre."
Recht hat er, der Herr Geheimrat: Hier strömen so viele Dinge auf mich ein, dass ich froh bin, sie abends halbwegs vollständig in meinem Reisetagebuch festhalten zu können.
So überwältigt mich hier alles, so vollkommen erlöst vom Alltag, frei sein: Hier bin ichs!

Wie ist das, in Narni 17 Jahre alt zu sein? Gibt es hier eine Disko?


Langweilig wird mir dabei allerdings nicht, denn rings um mich herum breitet sich ein schönes, grünes Tal aus, in das gar lieblich die Sonne fällt. Fruchtbar mag es da unten sein: Ernten sie hier die Oliven, die ich so liebe?

Was schwierig ist, denn sowohl Rücken als auch Beine melden langsam an, was mir in den Bergen schon klar war: Müde, sie sind müde. Die Steigungsarbeit fordert ihren Tribut.
Wann bin ich da?
20 Kilometer?
Eher 30, oder?

Der Gegenwind hat wieder zugenommen und je tiefer ich komme, desto stärker spüre ich ihn. Muss hart treten, muss wieder viel arbeiten für meine km/h.

Ausweichen ist mittlerweile sinnlos: Die ganze Fahrbahn ist ein Flickenteppich aus Asphaltfragmenten. Es scheint, als sei eine ganze Panzerarmee auf brutalem Vormarsch hier durchgekommen.
Und so hört sich auch das Geräusch an, das meine mit 8 bar unerbittlich harten Reifen auf diesem Untergrund erzeugen.
Rollen lassen?
No way!

Ich muss durch einen kleinen Wald - höre ein paar undurchdringliche Baumreihen neben mir die Autobahn - dann überquere ich selbige auf einer Brücke und finde mich in einer Ebene wieder.
Es ist heiß.
Brütend heiß. Stehenzubleiben bedeutet, sich der vollkommenen Windstille auszusetzen. Das ist, wie sich in einen Umluftherd zu begeben. Nur ohne Umluft. Ich kann den Schweiß verdampfen sehen. Selbst das ununterbrochene Zirpen der Grillen scheint angestrengt zu sein. Hier mögen es in der Sonne gut und gerne 47, 48 Grad sein.
Und dann: Ein Schild. Die Rettung! "Civita Castellana Centro" steht da.
Was? Schon zum Zentrum? Dann kann es ja nicht weit sein!
Neue Hoffnung keimt in mir. Ich nehme einen tiefen Zug aus der heißen Brühe, die einmal Eistee war und versuche, reinzutreten.

"Die Chaussee, die von der Höhe nach Civita Castellana geht, von eben diesem Stein Lava schön glatt gefahren, die Stadt auf vulkanischem Tuff gebaut, in welchem ich Asche, Bimsstein und Lavastücke zu entdecken glaubte. Vom Schlosse ist die Aussicht sehr schön; der Berg Soracte steht einzeln gar malerisch da, wahrscheinlich ein zu den Apenninen gehörender Kalkberg."
Auch ich blicke auf diesen Soracte, der vor mir, unerreichbar wie die Cheopspyramide als einzelner Obelisk aus der Ebene ragt. Dahinter, so denke ich mir, muss dann irgendwann Rom kommen.

Doch noch immer keine Stadt. Keine Stadt, auf die mir Goethe so Lust gemacht hat.

Nein, hier ist nichts.
Nur das Flimmern der Hitze auf dem Asphalt. Nur mein Geräusch von rasselnden Lungeln und klackernden Kettengliedern.
Durst.
Wasser.
Anhalten!
Der Impuls, jetzt und hier einfach nur zu stoppen, wird immer stärker. Einfach Schatten suchen. Anhalten. Hinsetzen. Einfach so. Stopp. Halt. Aus.
Und doch ...

Ich rattere - nachdem ich über eine schmale Brücke die Stadt betreten habe - über grobes Kopfsteinpflaster, frage einen Polizisten nach einem Hotel und der schickt mich nur eine dieser engen Gassen weiter.
Dann stehe ich vor dem 4-Sterne-Laden namens Relais Falisco. Wow, denke ich, das wird bestimmt keine Billigabsteige sein, und behalte Recht, als ich - etwas schüchtern und mir des Kontrasts, den ein durchgeschwitzter, fertiger, stinkender Rennradler hier zu dem geschmackvollen antiquarischen Ambiente abgeben muss, vollkommen bewusst. Das Interieur verspricht Oberklasseniveau.
80 Euro für das "große Einzelzimmer" will man inklusive Frühstück von mir haben. Na gern doch! Und wenige Minuten später steht meine 3,99 Reisetoilette im Bad neben den erlesenen Hotel-Shampoos.


Ich komme an einer schönen Kapelle vorbei, blicke ins Tal von der dicken Stadtmauer hinab, höre weitab eine Mama ihr Mama mia mit den Kindern schimpfen und folge meiner Nase in eine Gaststätte, die sehr einladend aussieht.

Neben mir schnarren in gewohnt aufrdringlich-sympathischer Manier zwei Amerikanerinnen.

Da staunen sie und erzählen mir wiederum, dass sie sich auf einer 3-wöchigen Einkaufsreise für eine amerikanische Töpferwarenkette durch Italien, Spanien und Portugal befänden. Oha, mache ich da - auch keine unangenehme Art, seinen Lebensunterhalt zu verdienen ...

"Sounds like Texas", entgegenet Rochelle. Und da muss ich lachen.


Und morgen, morgen dann Rom. Morgen, die 5te Etappe. Die fünfte und letzte Etappe - und dann endlich ein Ruhetag in der Stadt der Städte. Ein Ruhetag. Ruhe. Mal nicht treten. Mal nicht quälen. Mal nicht keuchen und dursten.
Rom. Wahnsinn!

"Morgen abend also in Rom. Ich glaube es noch jetzt kaum, und wenn dieser Wunsch erfüllt ist, was soll ich mir nacher wünschen? Ich wüsste nichts, als als dass ich mit meinem Fasanenkahn glücklich zu Hause landen und meine Freunde gesund, froh und wohlwollend antreffen möge."
Nun, meine Reise wird in Rom durchaus noch nicht beendet sein, im Gegenteil, aber schön klingts trotzdem - und mit diesem Anklingen von Überwältigung, gespannter Erwartung und riesiger Vorfreude auf die ewige Stadt schlafe ich ein, dämmere in der Hitze weg und träume.
Etappe 4 - Foligno-Civita Castellana
Etappenlänge: 107,7 km
Fahrtzeit brutto: 4 h 30 min
Fahrtzeit netto: 3 h 57 min
Schnitt: 22,1 km/h
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ziemlich abgefahren ... mit dem Rad auf der Autobahn und dann Pause in der Autobahnraststätte. Was der Geheimrat wohl dazu gesagt hätte?
AntwortenLöschenSchöne Ecke da unten!
Grüße
norbi62