Ich stehe früh auf - wie immer - labe mich am Frühstück neben der schweizerischen Beachvolleyball-Damenmannschaft (Oha!) und kann es gar nicht erwarten, meinen Renner vor die Tür zu schieben. Warum auch noch liegenbleiben? Heute Nacht hatte es so heftig gewittert, dass der Regen ein wahres Gehämmer auf dem Vordach meines Zimmers veranstaltet hatte - an Schlaf war nicht zu denken.
Ich bin froh, dass es wieder losgeht - Gaeta ist irgendwie nicht so mein Fall.

Ich werde mich täuschen.
Die schweizerischen Blondinen quittieren meine zugegeben sportliche Erscheinung mit anerkennendem Lächeln, als sie sich zum Strand begeben und ich gerade vor der Herberge mein Rennrad startklar mache. Ein letzter Gruß, ein letzter Wink - schon trete ich in die Pedale und beschleunige rein R3 in Richtung Süden. Weiter, immer weiter - Süden!

Na, dann kanns ja so schlimm nicht werden ...

Königlich fährt es sich auf der breiten Straße ohne dass man dauernd überholt wird. So könnte es bleiben, denke ich mir.
Ich komme gut voran, 32, 34 km/h stehen auf dem Garmin-Display und ich spüre, dass ich heute gute Beine habe.

Ein Grund mehr, Gas zu geben!

Ab und zu rauscht ein Auto an mir vorbei, aber tatsächlich ist die Gegenrichtung - nach Rom - wesentlich dichter befahren. Mir soll es recht sein.
Erste seichte Anstiege gesellen sich hinzu. Mehr und mehr steigt die Fahrbahn auf und ab, leider steigt auch die Fahrbahnbegrenzung häufig so hoch, dass ich neben mir nur noch Aluminium-Begrenzungen sehe und nicht mehr die schöne Landschaft.

Also lege ich noch 1, 2 km/h oben drauf und kurbele. Naja, denke ich mir, ich habe eh gleich die 30 Kilometer-Marke erreicht, dann will ich ja sowieso Pause machen. Langsam arbeite ich mich an ihn heran. Meter um Meter komme ich näher, stolz geschwillter Brust mit brennenden Waden rette ich mich mit einigen letzten, mächtigen Tritten in seinen Windschatten. Zwei, drei Minuten verharre ich dort, besehe mir sein Rad - ein älteres Pinarello-Modell - dann setze ich zum Überholen an.
Er grüßt nett und lächelt: "Ciao!", ruft er.
Ich nicke. Zu sehr schmerzen die Lungen.
Ich ziehe an ihm vorbei und entferne mich mit einem 35er Schnitt.
Als ich mich umdrehe, irgendwann später, kurbelt er direkt hinter mir im Windschatten.
"Verdammt!", denke ich, "ich kann nicht mehr!" Fahre Du doch mal vor! Los, nicht lutschen - auch mal ziehen! Aber Mr. Pinarello denkt nicht daran. Er macht es sich in meinem Sog gemütlich. Lange halte ich das nicht mehr aus ... lange halte ich das nicht ... lange halte ...

Bei einer großen, eiskalten Flasche Wasser und zwei meterdick mit Parma-Schinken belegten Panini genieße ich es, einfach das heiße Blut durch meine Waden ziehen zu fühlen - und just als ich sitze, fegt ein Schauer über die Land schaft.
Ein Vorgeschmack?

Ich merke es, kurz nachdem ich wieder von der Pause aufbreche: Die dunklen Wolken von Gaeta
haben mich längst schon eingeholt. Sie ziehen über mich hinweg, holen mich ein, verdunkeln zu erst die Sonne, dann den Rest vom Himmel - wenig später wabern dicke, nasse, schwarze Wolken am Himmel. Und dann geht es los ...

Nach wenigen Minuten aber kommt es dermaßen kraftvoll herab, dass sogar die Bleifuß-Tifosi nur noch mit 50 km/h fahren, ich selbst nichts mehr vor lauter Gisch sehen kann und die gesamte Fahrbahn sturzflutartig von einer 1 cm hohen Wasserschicht überspült wird. Es ist dunkel, es wird schlagartig kälter und jeder Meter, den ich - wenn auch vorsichtig - fahre, wird zur Lebensgefahr.
Ich halte unterwegs - natürlich ist weit und breit kein Baum, Unterschlupf oder Dachvorsprung zu sehen - an, um die Regenplane über meinen Rucksack zu stülpen. Zu spät, denn er ist schon völlig durchnässt.
So kämpfe ich mich einige Minuten durch den Monsun, erreiche mit letzter Not die Raststätte, biege mitten im fließenden Verkehr im Regensturm über die vierspurige Wasserstraße halsbrecherisch ab und erreiche vollkommen durchnässt, zitternd und frierend die Tanke.
"Scheiße!", kann ich nur brüllen, als ich aus meinen Sidi-Rennradschuhen etwa 1 Liter Wasser laufen lasse. Drinnen genieße ich fast eine Stunde lang einen Mocca nach dem anderen, während draußen eine Windhose im Regen tobt.
Dann ist schlagartig wieder eitel Sonnenschein.

So behalte ich denn Castel Volturno als den Ort in Erinnerung, an dem ich das Unwetter überlebt habe.
Ich trete rein - frohen Mutes, das Schlimmste überstanden zu haben - und nähere mich Kilometer um Kilometer meinem Etappenziel Neapel. Von der großen Superstrada biege ich allerdings ab: Das Wasser steht hier auf der Fahrbahn und jede Kurve wird zu einem Risiko - ganz abgesehen davon, dass ich die Schlaglöcher, die es in Italien en masse gibt, nicht mehr rechtzeitig erkennen kann.
Mein Cervélo freilich klingt, nachdem Schaltwerk und Kette durch gefühlte 2.000 Liter schmutzigstes Regenwaser gejagdt worden sind, wie ein alter Königstiger auf dem Rückmarsch. Wahnsinn!

Als ich mich aber zurückfallen und in seinem Windschatten ziehen lassen will, überholt er mich einfach nicht. Da klebt der kleine Italiener in meinem Schatten, grinst sich einen und knattert durch die heiße Pampa.
Na, so hatte ich mir das aber nicht vorgestellt!
Irgendwie schaffe ich es dann auch noch, falsch abzubiegen, und finde mich auf einer kleinen Straße wieder, die sich allenthalben serpentinenartig durch dichten Mischwald an irgend einem Abhang hinauf windet. Alles kommt mir recht spanisch vor, und so frage ich klönende Einheimische, wie ich am besten nach Neapel käme.
Einer der Männer bedeutet mir, ihm nachzufahren. Wie ein Teamwagen seinen Nachzüger führt er mich mit stetigen 35 km/h durch zwei verwinkelte Dörfer, ein paar Male unter Autobahnen auf Stelzen und allerlei verwinkelte Gassen hindurch, bis er anhält und meint: "Immer geradeaus!"
20 Minuten hat er sich Zeit genommen, um mich hier her zu bringen. Das nenne ich aber mal Hilfsbereitschaft! "Mille Grazie!", bedanke ich mich trete rein.

Es scheint, als sei ich um einige tausend Kilometer nach Tschetschenien versetzt worden, die Rote Arme ist gerade durchgezogen: Dreck, Verfallenes und Abgeranztes allenthalben. Und mit jedem Meter wird es schlimmer!
Ich traue mich nur zwei Fotos zu schießen, die massenhaft stehen zumeist Schwarze in Gruppen am Straßenrand mitten im Müll, rauchen, reden und starren mich an. Sind das die Armenvororte von Neapel? Italienische Favelas?
Keine Touristenbusse mehr. Keine Autos. Nur die schnurgerade Straße, Gangs, Ruinen und Müll.

Endlich erreichten wir die Plaine von Capua, bald danach Capua selbst, wo wir Mittag hielten. Nachmittag tat sich ein schönes, flaches Feld vor uns auf. Die Chaussee geht breit zwischen grünen Weizenfeldern durch, der Weizen ist wie ein Teppich und wohl spannenhoch. Pappeln sind reihenweise auf den Feldern gepflanzt, hoch ausgezweigt und Wein hinangezogen. So geht es bis Neapel hinein.
Na, der hatte Glück, denke ich mir und mache drei Kreuze, als ich endlich Pozzuoli, den schlimmsten Ort der Tour überhaupt, hinter mir lassen kann und mich einen Anstieg hinaufzukämpfen beginne, der sich am Ende als der Hausberg Neapels (neben dem Vesuv natürlich) entpuppt.
Es geht einige Kilometer sehr steil nach oben. Ich schwitze, bin fertig, meine Füße - noch immer in nassen Schuhen steckend - haben in dieser biotopischen Umgebung neue Pilz- und Schimmelarten gezüchtet, aber alles ist besser, als diese gruselige Geisterstadt von vorhin!

Auf der anderen Seite, hinter dem Berg, liegt Neapel. Und dort, irgendwie, irgendwo, ein Schiff für mich.

Mit knapp 60 Sachen kurve ich so im zunehmend hektischer werdenden Verkehr Neapels die Serpentinen hinab - die Hände fest am Lenker und die Bremshebel reaktionsbereit in den Fingern.

Schön ist Neapel also nicht, das steht schon einmal fest.

Irgendwann - komisch, wie einen der Riecher immer wieder ans Ziel bringt - erreiche ich die große Strandpromenade, die zu meiner Überraschung völlig autofrei ist. In feinstem Sonnenschein kann ich, die ganze Fahrbahn nutzend, am Ufer des Mittelmeeres entlang radeln.
Gemütlich, wie es sich gehört - nach der Schussfahrt durch den Monsumregen auch wirklich ein wohlverdienter Luxus.

So friedlich, so sonnig ist es hier. Und wenige Kilometer südlich der Tod. Konserviert und als Museum erhalten.

Geplant war, den Stiefel bis Messina abzureiten und von Messina bis Catania mit dem Zug zu fahren. Nun aber werde ich wohl das (angeblich schönste) Stück Strecke von Neapel nach Messina mit der Fähre durchs Tirrenische Meer überbrücken, um dann die Kilometer von Palerma nach Catania zu machen.
Angesichts der Wetterlage eine weise Entscheidung.
Angesichts der Tatsache, dass ich mir morgen beim Ruhetag Pompeij anschauen wollte und die wunderschöne Amalfiküste verpassen werde, eine gleichermaßen Traurige dazu.

Nun will ich mir aber erst einmal ein Ticket nach Sizilien kaufen.

Zunächst stehe ich vor einem geschlossenen Schalter, auf dem die Fährlinie nach "Sicilia" ausgeschildert ist. Keine Schlange, keine Leute, nichts. Komisch. Links und recht neben dem Verschlag haben andere Verschläge geöffnet und bieten Fährtickets an die Cote Azúr, nach Sardinien, Lampedusa und sonstwo - hunderte Leute stehen in der Schlange an - nur nach Sizilien will offensichtlich keiner.
Oder liegt das daran, dass heute Sonntag ist?
Ich frage einen, der etwas anhat, das halbwegs nach Uniform aussieht. "Boat to Sicilia?"
"Sempre, sempre!", schickt er mich ganz woanders hin. Offensichtlich soll ich der Hafenstraße noch eine Weile folgen. Andiamo!

Absurd - das sollte der ADFC daheim mal sehen!

Im Kabuff schauen zwei gelangweilte Italiener zu lautes Fernsehen. Ich grüße, lege meinen Helm auf den Tisch und frage hinters Panzerglas, ob denn heute ein Schiff nach Sizilien gehe und wenn ja, was mich der Spaß kostenm würde.
Der freundliche Tifosi sagt mir, dass ich eine Kabine für 110 Euro haben könne.
In sechs Stunden.
Und gebucht!

Aber was mache ich jetzt sechs Stunden lang?
Sechs Stunden, bis ich mir die nassen, stinkenden Klamotten ausziehen kann.
Sechs Stunden, bis ich die heiß dampfenden Schuhe, in denen bestimmt schon neuartige Algen und Moose wuchern, ausziehen kann.
Sechs Stunden.
Sechs Stunden?
Oha!
Anstatt mich - so abgeranzt und fertig ich vom durchstandenen Monsun fühle - in die Stadt zu begeben, um die wenige Zeit wenigstens zu einem kleinen Städteerlebnis zu nutzen, setze ich mich in eine kleine Brasserie, die direkt neben dem Ticketkabuff geöffnet hat.
Eine gute Entscheidung, denn nur wenige Minuten, nachdem ich mich hingesetzt habe, öffnet der Himmel wieder seine Pforten und es ergießt sich aufs Neue eine wahre Sintflut über die Stadt.
Ich sitze da - am letzten freien Tisch - und genieße den besten Salat der ganzen Tour, als gerade ein Schiff anlegt. Es strömen die Passagiere aus dem Blechkasten, viele an uns vorbei, einige ins Restaurant.
So auch eine lustig dreinblickende Party of three. Da kein Tisch mehr frei ist, biete ich ihnen die Stühle bei mir an. Sie willigen ein.

Ich erwidere ihr Interesse und frage wiederum sie aus.
Sie sind Neapolitaner. Mit Leib und Seele. Schwärmen von ihrer Stadt. Schwelgen in bunten Bildern, legen mir ihre Liebe in blumigstem Italo-Akzent zu Füßen.
Und stolz sind sie, die Drei. Oh ja. Können gar nicht verstehen, wie ich mich an den bisweilen 5 Meter hohen Müllbergen stören könne.
Nein, nein, stolz sind sie. Dem Herrn Geheimrat aus Weimar war das auch damals schon aufgefallen:
Dass kein Neapolitaner von seiner Stadt will, dass ihre Dichter von der Glückseligkeit der hiesigen Lage in gewaltigen Hyperbeln singen, ist ihnen nicht zu verdenken, und wenn auch wenn auch noch ein paar Vesuve in der Nachbarschaft stünden. Man mag sich hier an Rom garnicht zurück erinnern; gegen die hiesige freie Lage kommt einem die Hauptstadt der Welt im Tibergrunde wie ein altes, übelplatziertes Kloster vor.
Starke Worte!

Nach dem Essen, nach ein, zwei Cappucchini, verabschiede ich mir herzlich von den drei Neapolitanern und muss nur noch eine Stunde überbrücken.
Mittlerweile hat sich auch schon eine stattliche Schlange an der Pier gebildet, eine seichte, schwarze Rauchfahne zieht auch schon vom mächtigen Schornstein des Schiffes und so reihe ich mich ein, nein, ich drängle mich vor. Stehe da, zwischen den vielen Autos, Trucks und Transportern und warte ein, zwei Schauer ab. Ungeduld.
Ich kann es gar nicht mehr erwarten - nun soll es aber bald losgehen! Auch Herrn Goethe scheint es so gegangen zu sein:
Ungeduldig verbrachten wir den Morgen bald am Ufer, bald im Kaffeehaus; endlich bestiegen wir zu Mittag das Schiff und genossen beim schönsten Wetterdes herrlichsten Anblicks. Unfern vom Molo lag die Korvette vor Anker. Bei klarer Sonne eine dunstreiche Atmosphäre, daher die beschatteten Felsenwände von Sorento vom schönsten Blau. Das beleuchtete, lebendige Neapel glänzte von allen Farben. Erst mit Sonnenuntergang bewegte sich das Schiff.
Na, endlich!
Da bewegt sich am Heck etwas. Sie lassen die Rampe hinab.
Männer in Overalls rennen herum.
Dann dürfen wir an Bord.

Durch die Gänge raufe ich, suche meine Kabine. Und überlege die ganze Zeit, warum ich Idiot nicht auf einer Einzelkabine bestanden habe. Nun male ich mir aus, dass dann da gleich ein dicker, schwitzender, Betrunkener Truckerfahrer das Bett unter mir nehmen wird, die ganze Nacht schnarchen und furzen wird. Und ich Idiot habe ein paar zehn Euro gespart.

Ein kleiner Ruck und es geht los.
Mein Kabinengenosse lässt auf sich warten. So gehe ich duschen. So ziehe ich mich um. So räkele ich mich auf dem breiten Unterbett - lasse das schmale Oberbett eingeklappt.
Auch, nachdem wir schon fast eine Stunde an Bord sind, lässt er sich nicht blicken.
Und dann dämmert es mir: Die beiden Kabuff-Tifosi, die so gutgelaunt meine Visa-Karte durch den Schlitz gezogen hatten. Tja, diese beiden hatten mir so ganz nebenbei schlitzohrig eine teure Einzelkabine verkauft.
Aber hey, denke ich mir, und blicke glücklich aus meinem Bullauge: 110 Euro und "teuer"?
Kopfschüttelnd und froh furze ich in meine Kabine und gehe essen.

Nachdem ich satt bin mache ich es wie alle meiner Leidensgenossen auch, lasse den kläglichen Rest vom Abendessen stehen und begebe mich an die Reling, denn dort draußen zieht er gerade langsam vorbei an uns, der mächtige Vesuvio.

Langsam wippend schiebt sich die SNAV Sicilia ins Dunkel. Langsam bleibt auch der Feuerberg zurück - heute ruhig. Heute ruhig wie das Meer.
Ich sauge noch ein paar volle Lungen frische Luft, ehe ich mich in meine Kabine begebe.

Die Handschuhe riechen schon so, dass es einem den Abend verderben könnte.
Trikot und Hose gehen.
Aber die Einlegesohlen meiner Socken und die Socken selbst, ziehen mir sprichwörtlich selbige aus. Also, mal ehrlich - gegen diese Waschaktion hätte selbst jeder schmierige Trucker im wahrsten Sinne des Wortes abgestunken!

Wasserschlacht.
Wasser ... denke ich noch und schlafe endlich irgendwann ein.
Etappe 7 - Gaeta-Neapel
Etappenlänge: 97,26 km
Fahrtzeit brutto: 4 h 15 min
Fahrtzeit netto: 3 h 10 min
Schnitt: 28,1 km/h
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