Darum klingelt mein Handy auch 6:45 Uhr.
Darum bin ich auch wieder der Erste und Einzige beim Frühstück.
Und darum sitze ich auch schon 7:30 Uhr im Sattel, verabschiede mich vom Hotel Argentario und sage Lebewohl Ravenna.
Mal wieder: Abenteuer auf der Autobahn
Mein Vorbild Goethe hatte eine andere Strecke gewählt als ich, denn ich werde noch eine Weile der E55, die direkt an der Adriaküste entlang führt, folgen. Er hingegen bog in Ravenna ins Landesinnere ab und ließ sich über Ferrara und Bologna gen Rom bringen. Die Berge aber, so denke ich es mir, sollen mir erst die morgige Etappe versüßen. Für heute will ich noch einmal das Meer sehen.

Auf dem Schild steht, dass alle, die nach Ravenna wollen, nun links abbiegen müssten. So auch ich. Die Nummer der Straße stimmt auch: E55. Nur das große Schild, an dem ich verharre, weckt mein Misstrauen.

Komisch, denke ich, stelle mein Rennrad an das Schild und schaue auf meine Karte, denn dort ist diese Straße nicht als Autobahn eingezeichnet.
Ich gehe zu den Autos, die gerade Rot haben und frage durchs offene Fenster.
"Ah, gehhhh," macht der Fahrer übersetzt und gestikuliert: "Fahr man, fahr man, kein Problem!"
Okay, denke ich mir. Der Herr mit der Sonnenbrille im Fiat Punto hat´s erlaubt.


Da, am Horizont, da kann ich schon schemenhaft die ersten Spitzen der Berge. Nee, Jungs, morgen erst, beruhige ich auch meine Beine, die dem ersten Etappenziel - Cesenatico - entgegen stampfen.

Mein Forerunner am Handgelenk sagt, dass ich immer so um die 32 km/h drauf habe, das ist mehr, als bei manch rasanter Liegeradfahrt früher und mir schnell genug.
Die Straße ist super. Selbst auf dem wenig befahreren Standstreifen liegen kaum Steinchen, kaum muss ich einmal ausweichen, auch fällt mir wenig Müll auf. Die Autos donnern zwar wie eh und je an mir vorbei, scheinen aber Abstand zu halten und obwohl mir die Geschwindigkeiten wirklich Autobahn-like vorkommen, habe ich nie das Gefühl, hier besonders gefährdet zu sein.
Und als mich dann zur Krönung auch noch ein tief dunkelbauer Alfa Romeo der Carabinieri überholt - und mich nicht zu Kenntnis nimmt - beschließe ich, jedes Ungemach ob der "Fahrrad verboten"-Schilder, die hinter jeder Auffahrt stehen, an der ich vorbei komme, endgültig zu ignorieren.
Naja, immerhin hat das Autobahnfahren bei mir auch Tradition: Auf meiner ersten großen Radtour gerate ich in Porta Westfalica auf die deutsche, in Canada fahre ich sowieso nur auf ihr und in Japan muss ich rasante 20 Kilometer auf der Schnellstraße abspulen. Wieso nun nicht auch in Italien?

Schöne Pause italienische Art
Ich setze mich und trinke zwei Lipton-Icetea auf Ex, dann fülle ich meine Trinkflaschen mit frischem kalten Wasser und auf und verdünne alles mit sehr leckerem Apfelsaft.
Für meine Etappen halte ich das so: Ich fahre und halte alle 30 Kilometer an, um etwa 15 bis 20 Minuten auszuspannen, meinen Nacken zu entlasten, etwas zu essen und zu trinken. Das, so weiß ich aus Erfahrung, hilft mir, diese kurzen Pausen zur Regeneration zu nutzen und im Endeffekt eine so lange Tour durchzustehen.
Zudem hat es einen psychologischen Aspekt: Denn so fahre ich nicht mit dem Gedanken an die Gesamtlänge im Kopf: "Oh Backe, es liegen heute 130 km vor mir!", sondern ich fahre immer mit "Noch 30 km zur Pause."
Und das macht es doch schon viel erträglicher, oder?
Zudem: Nach nur einem Kilometer bin ich schon wieder in den Zwanzigern. Und so hangle ich mich von Pause zu Pause: Aus 130 Kilometern werden 4 Teilstücke.
Und bei Cesenatico sitze ich kurz vor 9 Uhr und habe die erste schon hinter mir.

Perfekt.
Eine SMS meiner Süßen reißt mich von einem Wunschtraum in den nächsten. Und so gehen die 15 Minuten auch schnell vorbei - glücklich und motiviert, aber merkend, dass die Sonne sich langsam anschickt, zur Höchstform aufzulaufen, schiebe ich mein Rennrad auf die Straße, setze auf und klinke mich ein. Ab gehts, Stich zwei steht auf dem Programm.

Mich wundert das Fahrverhalten der Italiener: So viele schlaue Leute haben mir vor meinem Trip wieder einmal so viele Schleue Tipps gegeben - und was ist? Alles nicht mal halbsowild. Die Italiener fahren auch nicht anders als die Deutschen. Nein, besser, würde ich sagen, denn hier auf dem Stiefe wurde ich noch nicht ein einziges Mal angepöbelt, geschnitten oder - sehr beliebt - mit Scheibenreinigungswasser angesprüht.
Die Jungs überholen vorsichtig, fahren nicht zu schnell. Was will man mehr?

In der prallen Sonne verlasse ich meine SS16 und und fahre einen fünfzehn Kilometer langen ... Umweg. Es gibt natürlich keine Küstenstraße. Mit heftigem Gegenwind muss ich mich wieder zurück auf die Superstrada kämpfen - und vergeude 45 Minuten in praller Hitze, weil mein Gehirn mal wieder einen Aussetzen hatte.
Fehlt jetzt nur noch ... ähm ... sagen wir ... ein Berg.
Na bitte!

Wohl dem, der die Berge liebt
Aber zum Berg. Denn heftiger Seitenwind, der kurz vor der Ortsdurchfahrt von hinten kommt, treibt mich an, macht mich froh, lässt mich optimistisch in das Blicken, was da gleich kommt. Mit knapp 40 km/h Dauerspeed - ich schaue schon ger nicht mehr nach vorn - rase ich in eine Wand aus Hügeln.

Es ist um 12 Uhr, die Sonne steht genau über mir. Sie brennt unerbittlich auf mich herab, Schweiß läuft in Strömen und ich ergänze vorsichtshalber meinen Wasservorrat noch einmal, bevor ich mich in die Steigung wage.
Zunächst geht es moderat los. Ich muss durch einen Ort, der überraschenderweise schon ziemlich weit oben liegt. Ich wechsle auf das kleine Blatt, lasse mir Zeit, trete und trete und merke, dass ich trotz der merklichen Steigung immer noch 25 km/h drauf habe. Mit dem Liegerad wäre ich hier schon merklich langsamer.

Aus den 25 km/h werden 20. Dann 15.
Aber nie langsamer.
Selbst im kleinsten Gang und unter größter Anstrengung kann ich die 15 halten.
Schatten gibt es hier keinen. Und wenn, dann nur kurz. Ein Zucken aus Kühle. Ich genieße die Fahrt aber. Nachdem bisher eher Gelbtöne dominiert haben, kann ich hier endlich mal wieder in sattes Grün blicken, sehe Bäume, sehe saftiges Gras. Schön.

Der Wind, der eben noch bremsend und nervig von der Seite kam, er kommt nun von hinten. Er erleichtert mir zwar das Treten nicht, kühlt auch kaum, aber so ists mir dann doch lieber. Getunnelt von den Bergen faucht er in wenigen Sekunden zum Kamm, den ich schon erkennen kann.

Erholung im Schmerz.


Was ich denn nach 5 Minuten auch tue. Ich hänge über dem Lenker, mache den Katzenbuckel, kralle meine schwammnassen Handschuhe in das Lenkerband, winkle meine Beine an und sause im Freilauf nach unten. Wind bremst, weshalb ich nicht über die 60 km/h hinaus komme, aber Spaß machen die paar Kilometer trotzdem.
Party und Plastikland in Rimini
Komisch, denke ich mir, als ich das Stadttor von Rimini erreiche: Da müht man sich bergauf eine halbe Stunde ab - und reitet die selbe Strecke auf der anderen Seite in atemlosen fünf Minuten runter.
Ein schönes Gleichnis auf das Leben, oder?

Das kommt aber noch.

Dafür geht die Partymeile los. Links neben mir - zur Seeseite hin - findet sich ein Beachclub nach dem nächsten. Die Badeanstalten dröhnen mit Discomucke, Menschen braten unter Schirmen in der Hitze, übergroße Spielplätze aus Plastik sollen die Kleinen ruhig stellen.

Irgendwann erreiche ich einen großen Kreisverkehr. In der Mitte die Erdkugel - die selbe Plastik, die auch in New York vor den Vereinten Nationen steht. Mir aber ist es zu heiß, um diese zu fotografieren.

So viel Zeit muss sein!

Der Rucksack macht mich langsam Probleme mit den Schultern.
Auch meldet sich mein Hintern wieder und überhaupt, die Handgelenke schmerzen. Aber das kann mich alles nicht aus dem Tritt bringen, ich starre starr auf den Asphalt, der unter mir hindurchfliegt, und denke mir, solange ich so schnell über ihm hinwegsause, kann das alles ja auch noch nicht so schlimm sein.
Dann, unveermittelt, reite ich in Fano ein, der letzten großen Stadt vor meinem Ziel Senigallia.

Glück für mich, denn so kann ich das malerische Städtchen fast vollkommen unbehelligt vom sonst so chaotischen italienischen Stadtverkehr durchqueren, genieße kurz die Schatten spendenden Aleen, ehe ich mich wieder auf der schnurgeraden Superstrada wiederfinde, die mich die letzten 30 Kilometer zum Etappenziel für heute bringen wird.

Der Wind kommt nun von hinten und so erreiche ich problemlos in Untenlenkerhaltung 35 km/h, die ich durchhalten kann. So schieße ich stoisch den glatten Asphalt entlang, ein ums andere Mal von Piaggios und Fiats überholt. Menschen treffe ich freilich keine - die Hitze ist unerträglich.
Langsam reicht die Hitze aber wirklich!
Mein Rucksack hat zwar eine - AirStripes genannte - Belüftung, aber selbst dieses Hightech versagt bei den Schweißmengen, die mein Rücken absondert. Ich frage mich, ob ich eine Wasserspur hinter mir herziehe.

Naja, überholt werde ich auch nicht gern ...
Ich mache eine letzte Pause in der Bar eines Zeltplatzes direkt am Meer, wo ich einen ganzen Liter Eistee vor den großen süßen Augen der kleinen Tochter der Kioskbesitzerin leer trinke, dann schwinge ich mich aufs Rad und nehme die finalen 5 Kilometer in Angriff.
Senigallia erreiche ich um 13:30 Uhr.
Es ist die Albergo Bice, in der ich mir ein Zimmer reserviert habe.

Auch, als ich eintrete, finde ich mich zunächst in einem mehr als beengten Eingangsbereich wieder.
Schweißüberströmt stehe ich da. Alles klappt, ich gebe meinen Ausweis ab, bekomme sofort meinen Schlüssel, das Bici? - darf mit aufs Zimmer, Ehrensache!
Und als ich oben bin - welch´ Wonne! - stehe ich in einem großen, großen Raum, habe ein großes, großes Bad mit der besten Dusche, die ich jemals genossen habe! Oh, wie zischt es, als kaltes Wasser mir das Salz-Sonnenmilch-Schweiß-Fliegen-Dieselstaub-Gemisch von der Haut spült!

Was für eine Hitzeschlacht!, denke ich mir, als ich mich abtrocknen will, aber merke, dass ich das gar nicht muss, so schnell verdampft das Wasser selbst hier im kühlen Bad.
Klamotten waschen.
Rad putzen.
Kurz SMS schreiben.
Und nun habe ich Hunger!

So irre ich ein, zwei Stunden an der endlosen Adria umher, bekomme immer mehr Hunger, werde aber auch mit einem Bikini-Overkill vom Feinsten entschädigt: Alle zehn Meter läuft hier eine Ornella Muti vorbei. Nice ...
Nun ja, satt wird man davon aber auch nicht.

So suche ich mir einen Supermarkt, in dem ich mich mit Salat, Parma-Schinken und einem leckeren Olivenbrot ausstatte und trotte durch die heißen, engen Gassen dieser malerischen Stadt zurück zum Hotel.


Dort machen es mir ein paar Mädchen vor, die es sich im kühlenden Burggraben auf der Wiese im Schatten gemütlich gemacht haben - und ich mache es ihnen nach. Unten in befreiender Kälte sitzend, kann ich meinen Salat essen, das Brot killen und einen Eistee trinken.
Ein Tropfen auf den heißen Stein freilich, aber wenigstens etwas.
Ich schwöre mir, dafür heute Abend im Ristorante so richtig zuzuschlagen.

Schon komisch, denke ich mir etwas traurig, wie schnell sich das Leben doch verändern kann: Vor einem Jahr noch gurke ich allein und frei und ungebunden durch Kanada und Japan und jetzt sitze ich verliebt mit blutendem Herzen in Italien und weiß gar nicht so recht, wie ich meine Tour genießen kann. Oder soll. Oder darf.
Hier sein und Radfahren ist ein Traum.
Bei ihr sein aber ein noch Schönerer.

Schnell jedoch - welch´ Überraschung - sind die negativen Gefühle von einem exzellenten Rotwein, einem großartigen Salat und fast schon als göttlich zu bezeichnende Spaghetti ale Vongole verdrängt - ich labe mich an einem Abendessen, das ich in dieser Qualität schon lange nicht mehr hatte.


So wanke ich nach oben, Sehnsucht lässt mich noch eine SMS schreiben, unten toben die Landsmänner während ich mich oben in seichtem Luftzug der leckeren Abendluft in den Schlaf träume.
Morgen Berge.
Berge.
Ber ...

Etappe 2 - Ravenna-Senigallia
Etappenlänge: 130,7 km
Fahrtzeit brutto: 6 h
Fahrtzeit netto: 4 h 26 min
Schnitt: 28,9 km/h
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i den Strand genießen es. es ist immer ein Vergnügen, diese Orte zu besuchen
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