Ich mag Goethe. Ehrlich. Schon in der Schule liebte ich den "Faust" zu lesen, verschlang ich der Tragödie zweiten Teil nur so. Und als Vorbereitung auf meinen Giro kaufe ich mir einfach mal die "Italienische Reise" - wenn dieses schon zum Kassenschlager "Go, Trabi go!" als roter Faden diente, warum nicht auch meiner Rennrad-Tour?

"Nun drängten sich die Wohnungen enger und enger, Sand und Sumpf wurden durch Felsen ersetzt, die Häuser suchten die Luft, wie Bäume, die geschlossen stehen, sie mussten an Höhe gewinnen suchen, was ihnen an Breite abging. Auf jede Spanne des Bodens geizig und gleich anfangs in enge Räume gedrängt, ließen sie zu Gassen nicht mehr Breite, als nötig war, eine Hausbreite von der gegenüber stehenden zu trennen und dem Bürger notdürftige Durchgänge zu erhalten. Übrigens war ihnen das Wasser statt Straße, Platz und Spaziergang. Der Venezianer musste eine neue Art von Geschöpf werden, wie man denn Venedig auch nur mit sich selbst vergleichen kann. Der große und schlangenförmig gewundene Kanal weicht keiner Straße in der Welt, dem Markusplatze kann wohl nichts an die Seite gesetzt werden. Ich meine den großen Wasserspiegel, der diesseits von dem eigentlichen Venedig im halben Mond umfasst wird. Über der Wasserfläche sieht man links die Insel St. Giorgio Maggiore, etwas weiter rechts die Giudecca und ihren Kanal Grande, wo uns gleich ein paar ungeheure Marmortempel entgegenleuchten. Dies sind mit wenigen Zügen die Hauptgegenstände die uns ins Auge fallen, wenn wir zwischen den zwei Säulen des Markusplatzes hervortreten."
Schön, oder?

Aber hier schon die erste Überraschung, gleich am Flughafen Hamburg: Mein Gepäck ist zu schwer. Genau 2,2 Kilogramm zeigt die Waage zu viel an. Oha, denke ich mit Schrecken an meine 8 Kilo Übergepäck, die ich irgendwie auf dem Flughafen Tokio erklären wollte - was keinen Sinn hatte und mich am Ende knapp 800 Euro Nachzahlung gekostet haben.
Die freundliche Lady von Air Berlin lächelt mich an, zwinkert mir zu und klebt den Barcodestreifen auf meinen Rennradkoffer. Wow, denke ich mir und mache in Gedanken einen Haken - Air Berlin, das könnte meine neue Lieblingsairline werden.
Die zweite Überraschung kommt beim Durchleuchten meiner 4 Kilogramm Handgepäck. Die Dame ruft zwei Herren von der Bundespolizei. Mit ernster Miene lassen sie mich den Drehmomentschlüssel aus dem Gepäck ziehen. Terrorschlüssel. Mit 8 Bits.
"Werkzeug ist verboten.", sagt er nur knapp. "Einchecken oder hier lassen."
Ich gehe wieder zur Zwinkerlady.
Mit einem Doppelzwinker checkt sie mein zweites - an sich auch kostenpflichtiges - Gepäckstück ein und wünscht mir einen guten Flug.
Nun also offiziell: Air Berlin ist meine neue Lieblinsairline!
Tausche 10 Grad Niesel gegen 35 Grad Sonnenschein ...
Der Flug ist ruhig, die Maschine überraschenderweise nur halbvoll. Nanu? Wollen denn gar nicht so viele in den Süden? Doch ich habe Glück, denn im sonst stillen Flieger sitzen die zwei am lautesten schnatternden Damen denn dann auch genau vor mir. Sie wollen offensichtlich zum Shopping - sie sind die gesamten eineinhalb Stunden nur am Schnacken.
Ich ergötze mich an den Alpen, die, wie ich mir vorstelle, mit dem Rennrad zu bezwingen sicher auch ein Spaß sondergleichen sein muss. Es wird in den Aufwinden der Berge etwas ruppig. Die Schnattertaschen sind für ein paar Minuten ruhig.
Danke Captain, das war auch mal höchste Zeit.

Ich steige aus der Blechröhre und mich trifft erst einmal der Schlag: Es sind bestimmt 35 Grad im Schatten, es ist Mittag und die Sonne knallt unbarmherzig von einem makellosen Himmel herab. Ich schwitze sofort.
Wenigstens ist das Terminal gut gekühlt.

Ein freundlicher Afrikaner rollt das Case raus.
Zwar sind meine obligatorischen "Tour of Italy - EuroSport"-Aufkleber etwas zerkratzt, aber die TV-Logos, die ich mir bei meinen Reisen immer auf die Kisten klebe, scheinen gute Arbeit zu leisten: Es ist nicht beschädigt. Klar, wie es dem Carbon innen ergangen ist, werde ich erst im Hotel sehen können.
Italienisch für Anfänger: Eine Taxifahrt, Lektion 1
Draußen wartet ein Schild mit einem Taxifahrer auf mich. Mein Hotel stellt einen Transferservice für 60 Euro zur Verfügung, das alles in einem großen Van. Also wird der auch genutzt.
"Buon Giorno!", verbeugt sich der drahtige kleine Herr. Offensichtlich kein Italiener, aber zumindest benimmt er sich so - flexig zuckelt er vor mir her, als er meinem Koffer und mir den Weg durch die Touristenmassen und Wartenden am Terminal bahnt.
Draußen schimpft er dann erst ein mal gemeinsam mit 2 Taxifahrern und einer dicken Dame am Parkautomaten den Computer aus. Wenig später sitze ich im Van.
"It´s hot here!", versuche ich ein Gespräch zu beginnen.
Er grinst und nickt beflissentlich, lässt den Motor gleich mal mit 7.000 Umdrehungen aufheulen, schaut mich an und sagt: "Aldo ... my name."
Aha.
Dann gibt er Gas.
Die etwa 65 Meter vom Parkplatz zur Automatikschranke überbrückt der betagte Van mit einem Mikro-Warpsprung. Bei der irren Beschleunigung, die Aldo im engen - voller ebenfalls ein- und ausparkenden Autos nur so wimmelnden - Parkplatz vollführt, werde ich in den Sitz gepresst. Hinten schlägt mein Bike-Case an die Heckscheibe.
An der Schranke kommt es zu einem Stau. Ein ganz Kluger hat seine Parkgebühren nicht bezahlt, muss nun aussteigen, zurück zum Terminal laufen, bezahlen, wieder herkommen und dann sollte es weitergehen.
"Studpido! Stupido!", höre ich nur heraus, als Aldo seine Hasstirade startet. Wir stehen mit etwa 20 anderen Autos in einer Schlange. Unter einem Hupkonzert sondergleichen geht der arme Mann zum Bezahlen. Aber nicht, dass Aldo diese Zeit nutzen würde, um etwa den Gang heraus, den Fuß von der Kupplung und Vortrieb aus dem Auto zu nehmen - nein, er hält die Drehzahl stringent über 5.000 und rollt - ab und zu hupend - in Zentimeterschritten auf das in der Schlange vor uns wartende Auto auf.
Automatische Einparkhilfen würden jetzt spätestens aufgeben. Nur Millimeter vor der Stoßstange kommen wir zum stehen.
Während dessen hat sich neben uns, von rechts kommend, ein Audi in die etwa einen Meter breite Lücke zwischen uns und unserem Hintermann gedrängt - wie zur Hölle er das geschafft hat, ist mir bis heute ein Rätsel.
Irgendwann geht es dann los. Aldo schiebt den Magnetstreifen durch das Gerät, die Schranke öffnet sich und er kann Gas geben. Vorher schaut er mich an, lächelt, sagt etwas sehr langes auf Italienisch, ich höre die Worte "Traffic" und "Mafia" raus, dann durchbricht unser Hyundai die Schallmauer und ich habe Druck auf den Ohren.
Größere Kartenansicht
Selbst in den Kreisverkehren, die uns sicher vom Airport weg leiten, bremst er (und die anderen auch nicht) kaum ab. Auf den Geraden - und wir sind noch immer innerhalb Venedigs - schafft es Aldo auf stattliche 150 km/h. Ich weiß nicht, ob ich grinsen, Angst haben, den Airbag checken oder beten soll. Im Radio läuft "Voooooolare ..."
Die Fahrt wird etwa eine halbe Stunde dauern. Mein Hotel befindet sich in Cavallino-Treporti. Oder ich sollte sagen AUF Treporti, denn ich habe mir die nördlichste der drei Inseln, die die Lagune Venedigs zum Meer her abriegeln, für mein Domizil ausgesucht.
Es ist das Hotel Ca di´Valle. Bevor wir ankommen - immerhin müssen wir eine Riesenschleife fahren - begegnen wir dem ersten Rennradfahrer. Gekrümmt vor dem Wind Deckung suchend hockt er auf seiner Maschine. Ich rufe in den Motorenlärm (alle Fenster sind offen, was ab etwa 100 km/h zu sehr interessanten Wechselspielen mit dem Trommelfell führt und zudem zur Geräuschkulisse enorm beiträgt) "Ah - Bicicletta da Corsa!", das Einzige, was ich auf Italienisch kann.
"Si, si!", macht Aldo da.
"I cycle to Catania - on Bici da Corsa.", spreche ich weiter.
"You?!"
"Si!"
"Oh, va bene! Molto belissimo!", sagt er und lobt das Rennrad und den schönen Sport, die Anmut, die Kraft, die Taktik und das Leiden beim Kurbeln - denke ich mir, denn Aldo referiert in Sätzen ohne Komma und Punkt - und zieht mitten im Loblied auf die Rennradfahrer nur wenige Zentimeter neben dem Radler mit etwa 160 Sachen vorbei.
Na, denke ich mir - das kann ja heiter werden!
Für eine schöne Manne ... steht sie gerne aufe
Die Horrorfahrt endet. Ich steige aus. Zittere. Aldo klopft mir auf die Schulter. Ich stehe an der Rezeption und die Mama gibt mir meinen Schlüssel. Alles in perfektem Deutsch.
Dann ruft sie ihre Tochter.
Ein hübsches Ding, keine 23 Jahre alt, kommt hinter dem Tresen hervor.
"Sie wirde Ihnen Ihre Zimmere zeigene ...", sagt Mama.
"Ach, das finde ich schon, ist okay."
"No, no, no - für eine schöne Manne steht sie gerne aufe ..."
Töchterchen grinst.
Sie überragt mich um mehr als einen Kopf.

Meine größte Sorge ist erst einmal das Fahrrad. Der Koffer ist zwar geräumig, es passte auch alles hinein, aber nur unter Druck. Und ob alle meine Speichen, Streben und Züge den dann doch bestimmt ruppigen Transport überlebt haben, ist fraglich.
Eine Freundin, die auch Rennrad fährt, sagte mir das mal so: "Mit Carbon ist es so: Stell Dir vor, Du hast einen Panzer. Und den stellst Du auf nur vier Glasgläser. Das geht. Geht wirklich. Wenn Du es clever anstellst. Aber dann, dann ist so viel Spannung auf den Gläsern, dass ein kleiner - Schnipps - genügt, uns alles macht KAWUMMM!!!"
Na denn, denke ich mir, schließe das Case auf und packe zunächst erwarungsvoll gespannt die Laufräder aus. Mavic R-Sys, nicht das billigste Material. Wenn da was im Arsch wäre - selbst wenns nur eine Speiche sei - woher hier, hier draußen eine Carbonspeiche bekommen? Und dann wieder mit ... Aldo zum Radladen düsen? Noch so eine Fahrt überlebe ich nicht!

Klimaanlagen bleiben bei mir sowieso immer aus.
Ich pumpe meine Conti GP 4000 mit meiner kleinen Handpumpe auf. Und die Dinger auf 8 bar zu bekommen ohne Standpumpe ist ... ein spaßiger Job. Nach einem Laufrad tut mir alles weh. Aber ich zwinge mich, auch das Zweite noch prall und hart zu füllen.
Dann plündere ich erst einmal die Minibar.

Italienisch für Anfänger Lektion 2: Siesta ist heilig
Cavallino ist zwar voller Restaurants. Die haben nur alle zu. Es ist 14 Uhr Uhr durch und ich muss überall lesen, dass hier erst wieder zum Abendessen, also 19:30 Uhr, geöffnet werden würde.
Ich gehe die Straße ein paar hundert Schritte zum Strand. Na, hier muss es doch was geben! Es kann doch nicht sein, dass hier Millionen Leute am Strand liegen und keiner was zu Essen bekommt! Oder haben die alle Stullen dabei? Wohl kaum ...

Und ich habe Hunger!
Ich finde ein kleines Strandlokal. Da bestelle ich mir Tramezzini. Kennt man aus Deutschland. Lecker. Hier sind das nichts weiter als Toastbrotecken mit Schinken (wenigstens Parma) und ohne Rand. Na, der Magen ist voll. Wenigstens das.

Oder kommt das noch?
Als dann meine blonde Bedienung (Ferienjobberin aus Schweden) mit ihren beiden blonden Kolleginnen (eine Deutsche, die andere aus ... Schweden) schnacken, habe ich keine weiteren Fragen mehr. Wahrscheinlich liegen die richtigen Italiener jetzt im Bett und halten Siesta oder sie sind alle in Deutschland.
Schauen sich Neuschwanstein an oder so.
Abends bekomme ich im Ristorante vor dem Hotel richtig geile Spaghetti mit Jakobsmuscheln, ich schlafe sanft und ruhig, der Fiat Punto mit dem Deppentechno ist irgendwann auch verschwunden und so kann ich am nächsten Morgen mein Frühstück am Pool so richtig genießen.

Auf nach Venedig!
Was zunächst eine kleine Busfahrt für mich bedeutet. Im Hotel kaufe ich zwei Tickets, der Bus geht 8:50 Uhr und so stehe ich zehn Minuten früher am Bushalteschild und warte.
Autos ziehen vorbei.
Reisebusse karren gruppenweise zahlende Touristen zur Fähre.
Nur der Insel-ÖPNV lässt warten.
8:50 Uhr. Nichts geschieht. Mittlerweile wartet eine Italienerin mit mir.
9:00 Uhr. Langsam wird sie ungeduldig, fängt an, in Aldo-Manier leise in sich hinein zu fluchen.
9:10 Uhr. Immer noch kein Bus zu sehen. Eine andere Dame stößt zu uns, fragt die eine wo denn der Bus bliebe, da bricht es aus ihr heraus, all ihr italienischer Eifer, die südländische Emotion, die Mafia, der Euro-Ärger, Berlusconi, der sie verarscht hat und überhaupt. Sie wettert, sie gestikuliert, sie schreit fast.
Ich gehe dann mal - in einer Stunde soll ja der nächste Bus kommen. Im Weggehen höre ich noch "... Italia! Mama mia!" und als ich 100 Meter von der Haltestelle weg bin, drehe ich mich um - der Bus fährt vor.
Ich kann natürlich laufen wie ich will, der Bus fährt mir vor der Nase weg - 50 Minuten später sitze ich im nächsten. Weitere 20 Minuten später bin ich an Bord des Wassertaxis.
Alles wie erwartet - und mehr.
Alles drängelt und schubst, als das Wassertaxi endlich kommt. Erstaunlich wenigTouristen, wie ich finde - dafür eine Menge Italiener. Kann es sein, dass Cavallino-Treporti keine Tourihochburg ist? Kann ich mir kaum vorstellen. Aber ich mags.

Auch bei uns hinten werden auf ein mal die Fotoapparate herausgekramt, Leute stehen auf, viele rennen nach vorne. Und einer ums andere nuschelt es: "... Venezia!"
Na, da muss ich aber auch mal aufstehen!
Ich drängle mich zwischen die Fotografierenden und erkenne, wie die markante Silhouette der Stadt auf Stelzen aus dem Morgendunst erscheint. Campanile - der hohe Markusturm - und die Basilika kann man schon sehr schön erkennen.
Ich muss zugeben, es sieht herrlich aus.
Venedig, da bin ich!

Ich durchschreite die beiden Säulen - auf der einen das Wappentier Venedigs, der Bucentaur - und schaue geblendet blinzelnd in die Sonne. Die Galerie del´Uffici ist unbeschreiblich schön. Auch wenn die Fassaden gelitten haben und man hier und da den Zahn der Zeit (und sicher auch die Wirkung von salziger Seeluft und salzigem Wasser vom Grunde her erkennt) so muss ich doch sagen, ist dieses Ensemble eines der schönsten Plätze, die ich je besehen durfte.
Auch die Massen an - vor allem amerikanischen und russischen - Touristen, die sich hier tummeln, werden kaum bemerkt, da die hohe Architektur ihr Schnattern und Rufen, ihr Staunen und Quatschen verschluckt und hinwegbügelt.

Ich kann Tauben nicht leiden, schon gar nicht die Vorstellung, was diese Ratten der Lüfte so alles in ihrem Gefieder tragen und nun auf ihrem Stoff ablassen, uns so kann ich die Amis nicht verstehen, die Minuten verbringen, um der Mutter beim Vögelfüttern zuzuschauen.

"Und da es eben Sonntag war, fiel mir die große Unreinlichkeit der Straßen auf, worüber ich meine Betrachtungen anstellen musste. Es ist wohl eine Art von Polizei in diesem Artikel, die Leute schieben den Kehrig in die Ecken, auch sehe ich große Schiffe hin und wider fahren, die an manchen Orten stille liegen und das Kehrig mitnehmen, Leute von den Inseln umher, welche des Düngers bedürfen; aber es ist in diesen Anstalten weder Folge noch Strenge, und desto unverzeihlicher die Unreinlichkeit der Stadt, da sie ganz zur Reinlichkeit angelegt worden, so gut als irgendeine holländische."
Auch das hatte ich schon von manchem Venedig-Besucher gehört - es soll dreckig sein hier, ja, sogar himmelhoch stinken.

Weder die Hauptgassen - gesäumt von Hilfiger, Gucci, Vuitton- und allerlei ähnlichen Luxusshops - noch die kleinen Gassen, die Wohnquartiere und dort, wo der echte Venezianer lebt, sind irgendwie dreckig gewesen.
Obschon ich keinen einzigen öffentlichen Eimer fand, wo ich hätte meine Magnumeis-Verpackung entsorgen können, lag doch weder Dreck noch Unrat in den Straßen. Und der Geruch - eine duftende Melange aus altem Stein und frischer See.
Liebeskummer, Hunger und Gottseidank spielt kein Quartett.
So streife ich durch die Gassen. Ein ums andere mal piept mein Handy - SMS von meiner Süßen, die ich so vermisse. Gerade hier, gerade jetzt, gerade in dieser Stadt, die so gemacht für Verliebte, stromere ich alleine durch die Geschichte und sie packt daheim die Koffer für ihren Urlaub.
Vermissen tut weh. In Venedig potenziert.


Die Leute quetschen sich zähflüssig über die Marmorstufen. Im überdachten Innenbereich bieten fliegende Händler und kleine Shops allerlei Nepp und Tünnef dem Touristrom zum Kaufe dar. Auch ich kämpfe mich durch - vor mir eine Gruppe amerikanischer Mädchen, die wohl gerade vom Airport kommen, völlig übermüdet sind und krampfhaft versuchen, ihre prall gefüllten Rollkoffer die scharfen Stufen hochzuwuchten.

Irgendwo singt einer "O sole mio ..." und ich bekomme den Ellenbogen einer stark parfümierten Dame in die Rippen - Ponte Rialto, hier wird um die beste Fotoposition gekämpft.

Und Hunger macht es auch.

Und sie, sie hat 2 Wochen China vor sich. Noch härter wahrscheinlich, Asien-Schock, ich kenne das schon, wünsche ihr viel Spaß und doch - wie gern hätte ich sie hier bei mir.

Den Campanile zu besteigen wäre noch ein Schönes gewesen, aber die Schlange in Dreiherreihen hatte sich mindestens 1 Kilometer lang um den Markusplatz gewickelt - an einer Stelle kam es zu wildem Durcheinander, als sie sich mit der 2 Kilometer langen Schlange derer vermischt hatte, die in die Vasilica di San Marco wollen. Ein herrliches Schauspiel - Menschenmassen, noch dazu die von unbedarften Touristen - müssten doch jeden Psychologen faszinieren.
Es kommt der Gacon mit der Rechnung.
9 Euro stehen da drauf.
Das waren mal 18 D-Mark.
Ich starre auf den Zette und bekomme meinen Mund nicht zu. Eine Tasse Kaffee kostet in Venedig also 9 Euro. Zumindest diese Story haben meine Bekannten also wahr erzählt.
Nebenan am Tisch sehen das zwei ältere Herrschaften, der eine beugt sich herüber, lächelt und sagt: "Seien Sie froh, dass gerade kein Streichquartettspielt - sonst gibts 5 Euro Musikzuschlag."

Der Eine deutet immer auf meinen Rucksack. Sein Kollege, das merke ich jetzt, sitzt allein neben mir und buchstabiert seinem Freund nun die Firma, die meinen Rucksack produziert hat: "Delta-Echo-Uniform-Tango-Echo-Radio ..." Militärisch zackig.
Der andere Amerikaner fragt: "And what are you doing?"
Da erzählt der freimütig, dass sie beide Piloten im Ruhestand seien. (Aha, daher auch Delta-Tango-Uniform!).
"Which Airline?", fragt er weiter.
Der Partner deutet auf sein Basecap. Ich kanns nicht lesen, aber da steht was von "Air."
"Don´t know this one.", sagt er.
"Yeah, it´s private. We used to be the Pilots of Mel Gibson and Madonna."
Da nickt wissend der andere.
Na, schau mal einer an!
Bier oder Training?
Wieder im Hotel dusche ich, gehe gegenüber ins Ristorante und genieße eine Riesenportion Spaghetti alle Vongole, mache den Versand meines Bikecase via TNT nach Sizilien klar und stehe wenig später in meinem Badezimmer vor einer Entscheidung.
Es ist 17 Uhr.

Oder mir meine Radklamotten anziehen und eine kleine Einrollrunde drehen.
Bier oder Training?
Wenig später sitze ich im Sattel meines Cervélo, gebe Gas und lasse mir die frische Meeresluft in die Nüstern flattern - es war die richtige Entscheidung!
Cavallino-Treporti hat einen superglatten, wunderbaren Radweg und den nutze ich auch. Ich fahre da hin, wo ich gerade herkomme und wo ich morgen auch hin muss: Zurück zur Fähre nach Venedig. Es geht immer gerade aus, die Sonne brennt, ich schwitze, habe Gegenwind und doch - ich trete rein und genieße es.

Ein tolles Gefühl, endlich Rad zu fahren. Und tausendmal besser, als am Pool zu liegen.
Was mir auffällt bei meinen ersten Metern auf italienischem Boden: So etwas wie "halte Dich rechts" scheint es hier nicht zu geben. Weder Autofahrer (die auch gern mal die ganze Straßenseite benutzen) noch Fußgänger (oder sind das alles Briten?) halten sich an den elementarsten Grundsatz der Straßen- und Wegebenutzung. So muss ich doch ein ums andere mal ein ganz schönes Slalom hinlegen, um mich mit 40 km/h durch Jogger und Familien zu manövrieren.

Der Carbon-Bolide ist bereit für 1.300 Kilometer Italien.
Bin ich es auch?

Es geht zunächst zur Fähre. Dann auf die Inse, die Venedig vorgelagert ist - Lido di Venezia - diese dann bis zum Ende, dann weiter auf die nächste Insel - San Pietro in Volta - und dann nach der dritten und letzten Fährpasse nach Chioggia endlich aufs Festland. Immer gen Süden bis Ravenna.
Klingt doch einfach, oder?

Frühstück wird 7:30 Uhr sein, aber der Concierge hat mir versprochen, dass ich schon ab 7 etwas bekommen werde. So stelle ich meinen Wecker auf 6:45 Uhr. Die richtige Zeit, um im Urlaub aufzustehen, oder?
Eine SMS an meine Süße. Ich liebe Dich.
Und draußen stürmt eine Horde jauchzender Teenies aus USA lauthals an den Pool. Na, Schnecken, gegen Springbreak habe ich an sich ja nichts - aber bitte nicht heute, okay?

Ich denke an Venedig, diese wunderschöne Stadt, denke daran, was für ein schöner Auftakt das war. Verabschiede mich schon einmal von Cavallino-Treporti, denke an Aldo, meinen verrückten Taxifahrer, denke an meine Süße, die ich erst in 3 Wochen wiedersehen werde, und in ein kaugummiartiges "Awesome!" das vom Pool heraufdehnt dämmere ich weg, schlafe ein, wälze mich im Schlaf, meine Beine zucken ... wollen treten ... wollen kurbeln ... wollen rennradeln.
Ruhig, Glieder, ruhig - morgen könnt ihr ja!
"Ich verlasse Venedig gern. Ich habe indes gut aufgeladen und trage das reiche, sonderbare, einzige Bild mit mir fort.", sagt Goethe. Und damals wie heute, trotz Disney-Touristen und 9-Euro-Capucchini, muss ich ihm beipflichten: Venedig ist doch eine Reise wert. Und indes bedaure ich, nicht mit meinem Weibe hier zu sein.
Für Verliebte muss sich diese Zauberstadt doch noch einmal ganz anders ausmachen.
Trainingsrunde zum Fährhafen
Etappenlänge: 24,5 km
Fahrtzeit netto: 52 min
Schnitt: 28,2 km/h
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Schön geschrieben, bin auf die Fortsetzung gespannt. Muß doch erfahren, wie Du Dich mit dem #RR in IT so geschlagen hast. Grüße, Norbert
AntwortenLöschenBirra Moretti FTW!
AntwortenLöschenDu machst einen wirklich tollen Job gemacht. Es ist erfreulich zu sehen, die Menschen genießen ihre Zeit tun, was sie am besten gefällt.
AntwortenLöschenSchade, dass Sie nicht über einen Partner, der Sie unterstützen
AntwortenLöschenVielen Dank, dass Sie uns über Ihre Reiseerlebnis in Venedig, war es interessant zu lesen.
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